2024 Klassik trifft Maennerchor

05. Mai 2024

Klassik trifft Männerchor



Sängerhalle Saulheim

Musikalische Fusion: Klassik und Männerchor im Einklang

von Malte Blumberg


Wenn man an Datteln im Speckmantel, Camembert mit Preiselbeeren oder Schokolade mit Meersalz denkt, wundert man sich häufig erstmal über die doch eher ungewöhnliche Kombination. Zwei Zutaten, die für sich alleine schon jeweils eine Delikatesse sind, aber auf den ersten Blick erstmal nicht so recht zusammenpassen, werden kombiniert - und es entsteht etwas, das einzigartig, interessant und noch besser ist als die beiden Einzelteile.

 

Einen weiteren Beleg für dieses Konzept hat das Konzert „Klassik trifft Männerchor“ am 5. Mai in der Sängerhalle Saulheim geliefert. Nach stolzen dreieinhalb Stunden Programm blieb ein begeistertes Publikum zurück, das keinerlei Anzeichen von Ermüdung zeigte, sondern noch mehr Zugaben forderte. Aber eins nach dem anderen.

 

Stein des Anstoßes waren die Feierlichkeiten des MGV Liederkranz 1884. Der Verein feiert in diesem Jahr das 140-jährige Bestehen, 120 Jahre Sängerhalle und 100 Jahre historischer Schiedmayer Konzertflügel mit ganz vielen Veranstaltungen. Der Flügel wurde aufwändigst restauriert und durch die Initiative der Sängervereinigung Saulheim veranstaltete der Männerchor Saulheim, bei dem die Männerstimmen beider Vereine aktiv sind, dieses Konzert.

Fritz Dechent, erster Vorsitzender der Sängervereinigung Saulheim, nutzte die Gelegenheit und spendete 500€ für die Renovierung des Flügels.


Miriam und Christian Weber führten gemeinsam durch die Veranstaltung - und auch sie griffen das Konzept der ungewöhnlichen, gegensätzlichen Kombination auf. Das Ehepaar hatte sich gekonnt aufgeteilt, sodass Miriam die Anmoderation der klassischen Titel und Christian die Anmoderation der Titel des Männerchors übernahm. Bewusst setzten sie auf Spannungen, setzten gut recherchierte Hintergrundinformationen in Kontrast zu bewusst überspitzt formulierter Jugendsprache, um das moderne Profil des Männerchors mit gekonntem Wortwitz zu unterstreichen. Beide füllten ihre Teile der Moderation professionell aus, gemeinsam schafften sie es, für eine kurzweilige Wohlfühlstimmung zu sorgen und den Charakter der Veranstaltung mitzutragen.

 

Gerhard Wöllstein füllte dieses Konzept mit Leben. Er war der Mann mit den vielen Rollen.

Als Gesamtleiter der Veranstaltung orchestrierte er das Programm und zeigte Publikum wie Musikern eindrucksvoll, wie gut eine so seltene Kombination von klassischer Musik und einem Männerchor funktionieren kann.

Als Chorleiter des Männerchors Saulheim dirigierte und begleitete er „seine“ Sänger diszipliniert, verständig und mitreißend und ermöglichte ihnen so, stolz und selbstsicher die einstudierten Stücke aufzuführen.

Als Familienvater seiner beeindruckend musikalischen Familie bot er seiner Frau Yuki Nagatsuka sowie seinen Töchtern Maria und Clara Wöllstein eine Bühne, die diese bewegend nutzten. Dazu später mehr.

Nicht zuletzt brillierte er auch in seiner weiteren Rolle als Konzertpianist. Hier seien die Novelle in F-Dur von Robert Schumann und das Impromptu in As-Dur op. 142 Nr. 2 von Franz Schubert genannt. Anhand dieser Charakterstücke der Romantik zeigte er, wie wunderbar der Bogen zwischen präziser Technik und einer persönlichen Interpretation gespannt werden kann.

Alle seine Rollen füllte er bestens aus. Ihn als verbindendes Element der Veranstaltung wie auch eigenen Ausgestaltung zu erleben, beeindruckte Beteiligte wie Zuhörende gleichermaßen.

 

Bleiben wir bei der Familie Wöllstein-Nagatsuka. Jazzsaxophonist Charlie Parker hat mal gesagt: „Beherrsche Dein Instrument, beherrsche Deine Musik. Und dann vergiss all das und spiele einfach.“ Irgendwie hatte man an diesem Tage das Gefühl, die Familie Wöllstein-Nagatsuka hatte dies verinnerlicht. Es ist eine Kunst, nach vielen Jahren der akribischen und disziplinierten Vorbereitung, nach all den musikalischen Erfahrungen und Erfolgen, auf der Bühne Ausdrucksstärke, Emotionalität und Leichtigkeit zu verkörpern. Doch das gelang Mutter, Vater wie Töchtern gleichermaßen. Irgendeine Kombination irgendwelcher Gene scheint hier etwas Wunderbares geschaffen zu haben.

 

Yuki Nagatsuka beeindruckte auf mehreren Ebenen. Beim vierhändigen Spiel gemeinsam mit ihrem Mann beim Ungarischen Tanz (Nr. 6 in Des-Dur) von Brahms und dem Libertango von Piazzolla konnte man sich von ihrer Meisterklasse des Konzertspiels überzeugen. Als Spiegel reagierte das Publikum mit absoluter Stille während der Darbietungen und tosendem Applaus unmittelbar nach dem letzten Ton. Neben ihrer musikalischen Klasse beeindruckte sie zusätzlich mit ihrer Fähigkeit, sich auf ihre musikalischen Partner einzustellen und auf wirklich gemeinsames Musizieren auf Augenhöhe hinzuwirken. Jenseits der Musik würde man so etwas wohl als Teamfähigkeit bezeichnen. Es war wunderbar zu erleben, wie nahe und vertraut sie im Spiel mit ihrem Mann als auch als Begleiterin ihrer Töchter wirkte. Wenn die oben beschriebenen Fähigkeiten das Profil einer professionellen klassischen Musikerin beschreiben, kann man das Profil von Yuki Nagatsuka noch durch zwei weitere Eigenschaften ergänzen: Man spürte bei diesem Konzert ihre Herzlichkeit und ihre Bescheidenheit. Beides Eigenschaften, die bei Musikerinnen dieser Klasse nicht selbstverständlich sind - und somit bereicherten sie das Konzert zusätzlich.

 

Yuki und Gerhard scheinen einiges richtig gemacht zu haben bei der Erziehung ihrer Töchter. Maria Wöllstein bot drei Stücke dar, jeweils begleitet von ihrer Mutter die Meditation von Massenet, gemeinsam mit ihrer Clara das Kleine Stück / Gavotte von Schostakowitsch sowie zuletzt die Zigeunerweisen von Pablo de Sarasate. Jedes Mal, wenn sie die Bühne betrat, ihren Mitmusizierenden, einen kurzen, konzentrierten, wissenden Blick zuwarf, die Geige ansetzte und der erste Ton erklang, war es ein bisschen so, als hätte man spontan ein passendes Bühnenbild oder eine passende Beleuchtung platziert. Ihr Spiel überzeugte nicht nur von der schon betonten Professionalität und Routiniertheit, sondern vor allem auch von ihrem charakterstarken und persönlichen Spiel. Ein Beleg: Beim Applaus zu den Zigeunerweisen hielt es keinen Menschen im Publikum mehr auf seinem Sitz.

In nichts, und wenn nur in ein paar Lebensjahren, stand ihr ihre zehnjährige Schwester Clara nach. Es ist bestimmt manchmal schwer, die musikalische Karriere der Eltern nicht als Druck und die der älteren Schwestern nicht als Schatten zu empfinden. Gute Taktiken, damit umzugehen, können Ehrgeiz, Disziplin und das Finden eines eigenen, unverwechselbaren Profils sein. Und es beeindruckend zu erleben, wie Clara das in ihrem jungen Alter schon gelungen ist. Sie überzeugte am Violoncello zusätzlich mit dem „Allegro appassionato“ von Saint-Saens sowie mit dem Solo-Thema bei „Cello“ von Udo Lindenberg zusammen mit dem Männerchor Saulheim mit Christian Weber am Sologesang. Ein besonderes Highlight war eine eigens durch sie initiierte Programmänderung. Sie entschied sich gegen die Mazurka in g-Moll von Popper um stattdessen lieber fünf der zwölf Variationen von Beethoven „über ein Thema aus dem Oratorium ‚Judas Maccabäus‘ von G.F. Händel“ darzubieten. Warum? Weil sie ebendiese für einen anstehenden Wettbewerb einstudiert. So nutzte sie kurzerhand das Publikum als Vorab-Jury und Generalprobe. Das ging bestens auf. Jede der Variation war technisch wie interpretatorisch hervorragend - und jede Variation machte Lust auf die nächste.

 

Auch beim klassischen Gesang kam das Publikum auf seine Kosten. Kathrin Saaler, heimisches Multitalent unterschiedlicher Disziplinen und Aktive in vielen Aktivitäten rund um das musikalisch geprägte Vereinswesen in Rheinhessen, überzeugte als Mezzosopranistin. Begleitet von Gerhard Wöllstein bot sie „Voi che sapete“ und „Endlich naht die Stunde“ von Mozart sowie „O mio babbino caro“ von Puccini und gemeinsam mit dem Männerchor Saulheim „Agnus Dei“ von Bizet dar. Erfrischend, herzlich und zugewandt interpretierte sie diese Stücke. Man hatte bei ihrem Gesang stets das so schöne Gefühl, sie sänge direkt zum Publikum und lade es zu einem Dialog ein. Diese Fähigkeit von Kathrin, klassischen Gesang nicht schlicht „aufzuführen“, sondern regelrecht zu inszenieren, bereicherte zusätzlich das Gefühl der Nähe und Behaglichkeit während des Konzerts. Es war eine Freude, ihr zuzuhören. Sichtlich gerne taten das offensichtlich auch ihre Mitmusizierenden.

 

Darunter auch der Männerchor Saulheim. An so vielen Orten Deutschlands ist diese Gattung des Chores auf dem absteigenden Ast. So viele Männerchöre klagen über fehlenden Nachwuchs oder schließen wegen Überalterung.

Nicht so der Männerchor Saulheim. Wenn man die rund 40 Männer auf der Bühne sah, spürte man gleich die offensichtliche Einzigartigkeit der Formation. Männer ganz unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Einstellungen und unterschiedlichen musikalischen Geschmacks stellen sich gemeinsam hinter ein gemeinsames Ziel: Ein Publikum mit seinem Chorgesang unterhalten. Es sind genau solche Zeichen des Zusammenhalts und der Integration, die in den heutigen Zeiten Hoffnung schenken - und das merkte man auch an der Stimmung auf der Bühne.

Mit großem Einsatz und hoher Konzentration boten die Männer unter Leitung von Gerhard Wöllstein ihre Interpretationen der Stücke „Applaus, Applaus“ von den Sportfreunden Stiller, „Im Abendrot“ von Franz Schubert, „Arcobaleno“ von Bizet, „Für Frauen ist das kein Problem“ von Max Raabe, „Ein Freund, ein guter Freund“ von Hermann und weitere dar. Dem Lesenden mag gleich auch die vielseitige und einzigartige Auswahl der Stücke auffallen. Klassische Chorliteratur stellt sich neben moderne Pop-Stücke.

So zeigte der Männerchor Saulheim sein wirklich einmaliges Profil, das Charakter statt Einheitsbrei, Frische statt Staub und Vielseitigkeit statt Nische verkörpert.

Besonders sei die Dynamik und das spannungsvoll vorgetragene Pianissimo bei „Im Abendrot“ hervorzuheben, das durch die tolle Akustik der Sängerhalle getragen wurde. Bei der merklich herausfordernden Interpretation von „Für Frauen ist das kein Problem“ hatte man das Gefühl, es sei eine Hommage an die vorwiegend weiblichen Mitmusizierenden aus dem klassischen Bereich. Gekonnt griff diese Idee auch Moderatorin Miriam Weber auf: „Man merkt, dass es für Frauen kein Problem ist, wenn es die zehnjährige Clara schafft, 40 gestandenen Männern die Show zu stehlen.“

 

Doch es war eine gemeinsame Show. Eine Show von allen für alle. Als Gerd Blum noch mal zu Spenden für die Finanzierung der Restauration des Flügels aufrief und auf die Crowd-Funding Aktion mit der Volksbank Darmstadt Mainz hinwies, erhielten sie große Unterstützung. Fritz Dechent dankte den Akteuren und verteilte Präsente.

 

„An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit“ klang es im Refrain des letzten Stückes des Männerchors. Und das stimmte. Es war ein Konzert, bei dem Zeit keine Rolle zu spielen schien.

Wie schade, dass die Zeitmaschine noch nicht erfunden ist. Sonst hätten die Erbauer der Sängerhalle und des Konzertflügels bestimmt große Freude gehabt, mitzuerleben, was ihr Wirken vor so langer Zeit für Räume geschaffen hat.

Wie schön, dass die Zukunft noch nicht geschrieben ist. Wie schön, dass das etwa für die musikalischen Laufbahnen von Clara und Maria Wöllstein gilt. Wie schön, dass wir dabei sein können, diese Zukunft mitzuerleben. Wie schön, dass jetzt die gute Zeit ist. Wie schön, dass es eine solche Vielfalt, solche Einzigartigkeit und solche Veranstaltungen gibt.



Mezzosopranistin Kathrin Saaler und der Männerchor Saulheim


Yuki Nagatsuka und Gerhard Wöllstein


Yuki Nagatsuka und Maria Wöllstein


Yuki Nagatsuka und Clara Wöllstein


Maria und Clara Wöllstein


Dank vom 1. Vorsitzenden Fritz Dechent an Miriam und Christian Weber


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